Die AfD und die Deutsche Leitkultur

Ist Kunst und Kultur national begrenzbar?

Die AfD wünscht sich auch im Bereich Kunst eine Deutsche Leitkultur. Aber was bitte soll das sein? Bedient sich nicht jede Art von Kunst einem internationalen Spektrum an Kunstströmungen? Ist der internationale Einfluss auf die Kunst nicht genau das, was uns eine so Vielfältigkeit an Darstellungsformen offenbart? In unserem Grundgesetz ist im Artikel 5 Absatz 3 verankert, dass Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre frei sind. Das hat seinen Grund, da der Nationalsozialismus bereits eine solche "deutsche Leitkultur" propagierte und durch staatliche Einflussnahme und Zensur diesen Bereich für sich vereinnahmte und zur Indoktrinierung der deutschen "Volksgemeinschaft" für sich nutzte.

Auch die AfD wünscht sich mehr deutsche Kunst und Kultur in Museen, Theatern und als Unterrichtsstoff in den Schulen, um eine identitätsstiftende deutsche Kulturpflege zu fördern. Der Nationalsozialismus bezeichnete einst die einzig wirklich sich in Deutschland entwickelte Kunstrichtung der Brücke-Künstler als "entartet", weil die Art der Darstellung nicht in ihre heile und gesunde Weltanschauung passte. Also ließen sie diese einfach für das Publikum aus der Kunstwelt verschwinden. Und genau das soll nie wieder geschehen, da Kunst eine freie Möglichkeit der individuellen Ausdrucksform sein sollte.

Auch Walt Disneys Zeichentrickfilme wurden zensiert, dem deutschen Publikum unterschlagen und nur der Führer persönlich hat sich mit ein paar Auserwählten von Zeit zu Zeit einen kleinen Film im Hinterzimmer gegönnt. Könnte das unter einer AfD mit gesellschaftskritischen Zeichentrickfilmen, wie den Simpsons, die sicher nicht in deren Weltbild passen, dann wieder so sein?

Die AfD nennt Multikulturismus "geschichtsblind" und sieht darin eine Bedrohung für den sozialen Frieden?

Nirgendwo anders als in Kunst und Kultur zeigen sich die Einflüsse anderer Kulturen auf ein freies Schaffen so deutlich. Kunst ist nicht national! Und Zensur oder Einschränkung von Kunst ist ein tiefer Eingriff in die Freiheit des Menschen. Deswegen ist diese in unserem Grundgesetz gewährleistet wie die freie Meinung und die Pressefreiheit. Aber mit der Freiheit hat ein nationalistisches Weltbild, wie das der AfD eben so seine Probleme.

Wer seine Thesen als die einzige Wahrheit sieht und so an seine Wähler verkauft, muss diese auch vor Einflüssen schützen. Deshalb sollten Fernsehsender und Presse auch lieber gleich verstaatlicht werden, um diese Einflüsse steuern zu können. Und Kunst, ob nun die bildenden Künste oder das Rockevent auf der Wiese, können Einfluss nehmen und müssen ebenfalls staatlich gesteuert werden.

Nichts spricht gegen Kunst deutscher Künstler, solange sie ihr Schaffen selbstbestimmt ausüben dürfen!

Vielleicht sollten sich die AfD und Ihre Anhänger auch mal die deutschen Klassiker, wie Lessings guten Menschen von Sezuan anschauen oder lesen, in dem er an die Toleranz zwischen den drei großen Religionen appelliert. Oder sich auch einfach mal wieder Kant zu Gute führen, der seine Prinzipien der Aufklärung und der Vernunft nicht zuletzt aus seinem während des Islamstudium gewonnenen Wissen entwickelt hat.

Denn zu dieser Zeit war der Islam dem christlichen Abendland in Wissenschaft noch weit voraus. Erst Kriege und die Einflüsse Europas und später der USA haben die Zustände geschaffen, die man jetzt im nahen und mittlerem Osten vorfindet. Abendländische Leitkultur schützen? Wer muss sich denn hier vor wem schützen? Der Terrorismus und die katastrophale Gesamtlage dort sind Folgen der Einmischung dieser abendländischen Leitkultur!

Wir hoffen, dass viele es auch so sehen, dass Kunst nicht zensiert oder staatlich gesteuert werden darf, weil es mit zum Ende eines freien Denkens und Willens führen wird. Weil es mit dem Grundgesetz nicht zu vereinbaren ist!

Wie kann man dies alles besser ausdrücken, als durch das Manifest der Brücke-Künstler:
»Mit dem Glauben an die Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Genießenden rufen wir alle Jugend zusammen, und als Jugend, die die Zukunft in sich trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesehenen älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.«